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NAMENSGEBERIN

Dr. Johanna Stahl gehört zu den Würzburger Opfern der Shoa. Das war allerdings nicht das Kriterium, weshalb sie zur Namensgeberin des Zentrums auserwählt wurde. Vielmehr soll damit an eine Frau mit großen Verdiensten um die jüdische Gemeinschaft erinnert werden. Sie zählt zu der Generation jüdischer Frauen, die sich ihre akademische Bildung erkämpfte. Eloquent setzte sie sich für die Sache der Frauen ein und leistete engagierteste soziale Arbeit, als dies in der NS-Zeit bitter nötig war.

Dr. Johanna Stahl

Dr. Johanna Stahl

© StA Würzburg, Gestapo 14898

Johanna Stahl, genannt Henny, war am 16. März 1895 in Würzburg geboren worden, als sechstes Kind von Samuel und Regina Stahl, geb. Bodenheimer. Ihr Vater kam wie so viele seiner Generation aus dem Würzburger Umland, aus Sommerhausen. Er war Fabrikant und Händler für Kurz- und Strumpfwaren. In Würzburg betätigte er sich sowohl im Gemeindevorstand als auch im Kuratorium der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt. Johannas Mutter stammte aus Hessen und war Hausfrau. Von den fünf Kindern, die das Erwachsenenalter erreichten, studierten drei, zwei promovierten, darunter auch Johanna. Das war zu der Zeit, als jungen Frauen gerade erst die Möglichkeit zum Studium eingeräumt worden war, nicht selbstverständlich.
 

Zum Bildungsweg Johanna Stahls finden sich dürre Anhaltspunkte im Lebenslauf ihrer Dissertation. Sie besuchte 10 Jahre lang die Sophienschule in Würzburg, eine so genannte Höhere Mädchenschule. Dort konnte man zu dieser Zeit jedoch noch nicht das Abitur ablegen, weshalb sie sich privat darauf vorbereitete und im Sommer 1914 als Externe die Prüfung am Realgymnasium ablegte. Anschließend nahm sie in Würzburg zunächst das Studium der Germanistik auf, wechselte aber zum Sommersemester 1917 an die Universität Frankfurt am Main. Dort studierte sie Volkswirtschaftslehre. Neben ihrem Studium arbeitete sie in Frankfurt und in Würzburg im Versorgungsamt. Im Herbst 1924 kehrte Johanna Stahl nach Würzburg zurück, das Promotionsverfahren wurde 1925 abgeschlossen. In ihrer Doktorarbeit hatte sich die Autorin mit den sozialen Folgen von Ratenkäufen und deren Reform beschäftigt.

Außenansicht der Doktorarbeit von Johanna Stahl mit Aufklebern für Titel und Signaturen

Doktorarbeit von Johanna Stahl

© UB Frankfurt a.M.

In Würzburg zog Dr. Johanna Stahl wieder in ihr Elternhaus zu ihrer inzwischen verwitweten Mutter und ihren Geschwistern Eugen und Jenny. Sie begann ihre journalistische Arbeit und wurde politisch aktiv in der liberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP). 1929 kandidierte sie für den Stadtrat und errang einen Stellvertreterplatz. Von 1929 bis 1933 redigierte Johanna Stahl die “Bayerische Frauenzeitung“, die im Verlag des “Würzburger Generalanzeigers“ erschien. Vermutlich als freie Mitarbeiterin schrieb sie für die liberale “Frankfurter Zeitung“. Daneben publizierte sie wissenschaftliche Aufsätze aus ihrem Fachgebiet und kleinere Artikel etwa in der “Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung“. Henny Stahl organisierte Vortragsreihen und hielt selbst Vorträge, beispielsweise zum Fürsorgewesen und über die Stellung der Frau im Recht.

Ihr Engagement für Frauenrechte erstreckte sich auch auf die jüdische Gemeinde. 1929 begründete sie in einer Gemeindeversammlung den wiederholten Antrag der Liberalen, das passive Wahlrecht für Frauen einzuführen. Der Antrag wurde abgelehnt. Auf Vorschlag der Orthodoxen fand sich jedoch schließlich eine Kompromisslösung, wie sie für die “Würzburger Orthodoxie” typisch war: Frauen konnten in Kommissionen gewählt werden und als deren Mitglieder an Beratungen des Vorstands zum Sachgebiet der jeweiligen Kommission teilnehmen.

Unterschrift mit dem von den Nazis vorgeschriebenen Namen

Unterschrift mit dem von den Nazis vorgeschriebenen Namen "Sara"

© StA Würzburg, Gestapo 14898


Als die Nazis 1933 an die Macht kamen, dauerte es nicht lange, bis auch Henny Stahl als Journalistin mit einem Berufsverbot belegt wurde. Sie begann sich im Bereich der Beratungs- und Fürsorgearbeit zu engagieren. Seit 1934 arbeitete sie im “Büro für Beratung und Wirtschaftshilfe“ im Gemeindezentrum in der Domerschulstraße 19. Das Büro wurde über Spenden von der Gemeinde finanziert. Johanna Stahl beriet all diejenigen, die aus ihren Berufen gedrängt wurden und in soziale Not gerieten, und die, die sich angesichts der Verfolgungspolitik zur Emigration entschlossen. Im Spätsommer 1938 unternahm Johanna Stahl erste Schritte, um ihre eigene Auswanderung nach Paris vorzubereiten. Die Möglichkeit zur Emigration hat sie jedoch letztlich nicht in Anspruch genommen – vermutlich, weil sie sich nicht aus ihrer Verantwortung stehlen wollte. Henny Stahl wurde am 17. Juni 1943, zusammen mit den Personen, die bis zuletzt für die Gemeinde gearbeitet hatten, im Rahmen der letzten größeren Deportation nach Auschwitz verschleppt und dort vermutlich unmittelbar nach der Ankunft ermordet. Der Deportation war eine mehrmonatige Haft vorausgegangen.

Vor dem Haus, in dem Johanna Stahl wohnte, erinnern inzwischen Stolpersteineexterner Link an sie und ihre Geschwister. Ferner ist eine Straße in Würzburg nach ihr benannt.

Stolpersteine für Eugen und Henny Stahl an der Konradstr. 9

Stolpersteine in der Konradstr. 9, Würzburg